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Fabrik des Jahres/GEO: Die Produktioner-Elite trifft sich in Nürnberg

“Militärische Disziplin statt Sozial-Esoterik” 

NÜRNBERG. Professor Günther Schuh forderte die Teilnehmer des Kongresses „Fabrik des Jahres” von Produktion und A.T.Kearney auf, nicht nur die Personalkosten im Blick zu haben, sondern vor allem die höher liegenden Transportkosten.

Professor Günther Schuh - Keynote - Fabrik des Jahres 2008

Mit einer provokanten Aussage zog Griewe-Werkleiter Roman Löw die Teilnehmer des Kongresses Fabrik des Jahres in seinen Bann. Um langfristige Veränderungen in einem Unternehmen durchzusetzen, „bedarf es militärischer Disziplin statt Sozial-Esoterik”, sagte der Sieger in der Kategorie „Hervorragende Teilefertigung” am vergangenen Donnerstag in Nürnberg vor 380 Produktionsfachleuten.

Der Automobilzulieferer befand sich 2004 in einer wirtschaftlichen Krise auf Grund mangelnder Effizienz, Qualität und Mitarbeitermotivation. Deshalb machte das Werk in Westerburg Verluste. Um eine Verbesserung herbeizuführen, strebte Löw einen radikalen Wandel zum schlanken Unternehmen an.

Durch ein intensives, kontinuierliches Training sowie sein persönliches Engagement erreichte er eine Bewusstseinsveränderung bei der Belegschaft. Baustein des Innovationsmanagements bildet eine Zukunftswerkstatt, wo unter anderem prozessorientierte Methoden wie Wertstromanalyse und TPM angewendet werden. 2006 schaffte Löw den Turnaround mit dem Werk in Westerburg und 2007 wurde das Ergebnis um 100 % gesteigert. Der Erfolg Löws führte dazu, dass der Werkleiter der meistumlagerte Fachmann bei der Diskussionsrunde des Kongresses war.

Vor dem Hintergrund der Schließung des Nokia-Werks in Bochum forderte Professor Günther Schuh, Direktor des WZL der RWTH Aachen, in seiner Keynote, dass „Deutschland ein Produktionseinwanderungsland werden” müsse. Zwar seien deutsche Unternehmen zuletzt wettbewerbsfähiger geworden, doch das Investitions- und Arbeitskräftepotenzial Asiens sei nahezu unerschöpflich. „Bereits vier der zehn nach Börsenkapitalisierung größten Unternehmen kommen aus China, darunter das Unternehmen mit dem höchsten Wert Petrochina”, sagte A.T. Kearney Vice President Dr. Günter Jordan. Professor Schuh mahnte die Kongress-Teilnehmer, ihre gesamte Kostenstruktur zu optimieren und nicht nur die Montagelohnkosten. Denn selbst bei komplexen Montageprozessen würden diese Löhne weniger als 10 % der Gesamtkosten ausmachen.

Die Transportkosten bei einem typischen OEM in der Automobilindustrie würden dagegen bereits bei 11,6 % leigen. Die Komponenten einer elektrischen Zahnbürste von Phillips würden derzeit sogar auf drei Kontinten gefertigt und bis zur Montage hätten alle Einzelteile zusammen schon 27000 Kilometer zurückgelegt, berichtete Schuh. Wegen der Zergliederung der Wertschöpfungskette müssten die Firmen ihre Teilelogistik synchronisieren, forderte der Wissenschaftler.

In der Automobilindustrie sei zum Beispiel mit einer über mehrere Tage vorausgeplanten Montagesequenz eine Erhöhung der Produktivität um 20 % und eine Verringerung des Logistikaufwandes um 50 % möglich.

Der Sieger Nefit aus den Niederlanden hat sich beispielsweise dieses Themas angenommen: Er lässt sich seine Komponenten im 4-Stunden-Takt just-in-time über einen von den Lieferanten betriebenen Supplier-Hub bereitstellen. In ihren Vorträgen nannten die Sieger der einzelnen Kategorien unterschiedliche Methoden, die sie nach vorn gebracht haben. So beschrieb der Centerleiter des Produktleistungszentrums Motoren des Mercedes-Benz Werks Untertürkheim, Heinz-Werner Marx, eine Anlauffabrik, in der während einer Produktentstehung getestet wird, wie die Produktion gestaltet werden muss. Dabei wird das Mercedes-Benz-Produktionssystem in den Produktentstehungsprozess integriert. Und der CEO von Saar Gummi, Detlev Bartels, berichtete, wie sich der Hersteller von Profildichtungen durch konsequentes Branding als Innovationsführer präsentierte. Das Unternehmen ist derzeit mit 30 neuen Innovationen am Markt und wird mittlerweile von Automobilherstellern direkt angerufen, wenn diese eine technische Lösung für ein Dichtungsproblem suchen.

Erschienen in Produktion - 11/2008
Autor: Gunnar Knüpffer