SG Technologies GmbH: Motivierte Mitarbeiter stemmen den Turnaround
WADERN-BÜSCHFELD. Saar Gummi schaffte nach dem Verkauf an Special Situations Venture Partners den Turnaround. Maßgeblichen Anteil daran hatte das SG-System, das die Motivation steigerte und zu Innovationen führte. Für ihre erfolgreiche Umstrukturierung erhält die Firma den GEO-Award.
Saar Gummi in Wadern-Büschfeld schrieb vor einigen Jahren Verluste. Das Tochterunternehmen von RAG führte lange Zeit ein Dasein im Schatten des Essener Konzerns: Der Bergbau- und Industriekonzern entsendete die Manager an die Spitze des Kautschukverarbeiters, die Bedeutung des Unternehmens als potenter Zulieferer der Automobilindustrie wurde jedoch nicht erkannt. Eine Veräußerung stand auf der Tagesordnung.
Motivationssteigerung der Mitarbeiter war wichtiges Ziel
Die Wende kam für viele Insider und Beobachter überraschend durch den Verkauf des Unternehmens aus Wadern-Büschfeld an den Private Equity Fonds Special Situations Venture Partners L.P. in Guernsey, der durch die Orlando Management GmbH in München beraten wird. Ein neues Management leitete einen Umstrukturierungsprozess ein, der dafür sorgte, dass Saar Gummi heute saniert ist. Der Umsatz wurde gesteigert und neue Kunden wurden an Land gezogen.
Auf zwei Feldern führte das neue Management von Saargummi, das unter der Leitung des CEO der SaarGummi-Gruppe, Detlev Bartels, aus dem technischen Geschäftsführer Michael Seibert, dem Personal-Geschäftsführer Werner Milert und dem kaufmännischen Geschäftsführer Thomas Ksiensik besteht, Neuerungen ein: innerhalb der Fabrik und extern. Besonders der interne Veränderungsprozess kann als vorbildhaft angesehen werden. Seiberts Team war sich sicher, dass der Turnaround nur gelingen kann, wenn die Motivation und Identifikation der Mitarbeiter steigt. Denn diese Punkte kennzeichneten erfolgreiche Unternehmen.
Verbesserungsvorschläge werden konsequent umgesetzt
Um die Kommunikation mit seinen Mitarbeitern wieder aufzunehmen, installierte Saar Gummi im April 2005 sein so genanntes SG-System. Kernstück darin ist ein Mechanismus, wie Verbesserungsvorschläge von Mitarbeitern behandelt werden. Fällt einem Arbeiter oder Angestellten auf, dass eine Arbeit zu umständlich organisiert ist und dass man diese einfacher und kostengünstiger erledigen kann, füllt er ein Din-A5-Formular, ein so genanntes Stopp-Schild, aus. Darin werden die derzeitige Situation und der Lösungsvorschlag notiert. Die zuständige Führungskraft ist verpflichtet, innerhalb einer kurzen Periode das direkte Gespräch mit diesem Mitarbeiter zu suchen und bei einer sinnvollen Idee den Verbesserungsprozess einzuleiten. Der Ideengeber hat dann die Verantwortung, die Veränderung an seinem Arbeitsplatz mit Rückendeckung seines Vorgesetzten umzusetzen.
Hat der Stopp-Schild-Prozess zu einer quantifizierbaren Einsparung geführt, wird der Mitarbeiter zeitnah für sein Engagement geehrt. Bei einer offiziellen Preisübergabe vor dem versammelten Team erhält der Innovator eine Geldprämie in bar über-reicht. Diese Zelebrierung dient nicht nur der Übergabe der Prämie, sie soll zeigen, dass der Mitarbeiter ein Vorbild für andere und stolz auf seine Kreativität sein kann.
Die Ausgaben, die Saar Gummi für die Prämien tätigt, sind dabei relativ gering gegenüber den Einsparungen an Sachkosten: Das Einsparvolumen betrug zuletzt nach Angaben des Unternehmens rund 2 Mio Euro. Gleichzeitig kam es im Rahmen des Stopp-Schild-Prozesses zu 20 Patentanmeldungen.
Ein weiteres wichtiges Element des SG-Systems ist die Idee von Patenschaften, die Mitarbeiter für bestimmte Arbeitsbereiche oder Maschinen übernehmen. Diese Patenschaften sollen dazu beitragen, dass die Mitarbeiter sich stärker mit dem Unternehmen identifizieren.
Unterteilt werden diese in SOS-Patenschaften, was für Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit steht, in Prozess-Patenschaften und OEE-Patenschaften. Letztgenannte Patenschaft bedeutet die persönliche Verantwortung eines Mitarbeiters für die Verfügbarkeit von komplexen Maschinen und Anlagen. Diese Patenschaft soll gewährleisten, dass die Ausbringung und Leistung der Anlagen optimiert und die Produktivität gesteigert wird.
Patenschaften steigern die Identifikation mit der Firma
Das Ziel von Geschäftsführer Seibert ist, dass ein möglichst lückenloses Raster von Patenschaften über das Unternehmen hinweg entsteht. Jeder Mitarbeiter soll mindestens für ein Projekt Verantwortung übernehmen, wobei sich die Unternehmensführung bewusst ist, dass sich nicht jeder Mitarbeiter um zusätzliche Aufgaben reißt.
Drittes Element des SG-Systems ist das Thema Angebot und Leistungsversprechen. Dabei beschäftigen sich die einzelnen Teams mit der Optimierung der Prozesse und erstellen Jahrespläne. Sie suchen sich interne Dienstleister im Haus, die für ihre Arbeit notwendig sind, und schließen mit ihnen Verträge, in denen die Leistungen der beiden Partner detailliert aufgeführt sind. Sie sind also Kunde im eigenen Unternehmen.
Eingeführt hat das SG-System Saar Gummi zusammen mit Thomas Mohr von der Beratungsgesellschaft für Produktions- und Instandhaltungsoptimierung Mohr Consult in München. Mohr Consult hatte die im Saarland eingesetzten Tools selbst entwickelt. Diese werden derzeit so erfolgreich in Wadern-Büschfeld verwendet, dass die Muttergesellschaft Saar-Gummi-Gruppe in Schengen die Methoden in weiteren internationalen Niederlassungen des Unternehmens einsetzen will.
Die bessere Kommunikation im Haus und die Identifikation der Mitarbeiter mit ihrer Wirkungsstätte allein reichten jedoch noch nicht aus, um den Turnaround zu schaffen. Saar Gummi musste im Automotive-Markt wieder als interessanter Player wahrgenommen werden.
Saar Gummi will sich mit Innovationen behaupten
Neuartige Gummidichtungen von Saar Gummi für die Automobilindustrie werden bei den Martkführern eingesetzt.
CEO Detlev Bartels installierte deshalb ein konsequentes Innovationsmanagement, das sicherstellt, dass neue Ideen kreiert und nachverfolgt werden. Pro Jahr konzentriert sich Saar Gummi dann auf die erfolgversprechendsten Neuerungen – mindestens 3 –, in die genügend Mittel und Manpower investiert werden, so dass sie auch wirklich zur Marktreife gelangen.
Herausragend ist dabei die Entwicklung einer Endlosrolle für Dichtungsprofile (Seal Matic), die Saar Gummi in enger Zusammenarbeit mit DaimlerChrysler entwickelt hat. Bisher wurden Automobildichtungen immer einzeln auf Länge zugeschnitten und in Kartons verpackt verschickt. Nun kann der Kautschukverarbeiter die Dichtungen schneller herstellen und auf einem viel geringeren Platz, nämlich bis zu 1 400 Meter der Dichtung auf einer Rolle, verpacken. Das spart Ladevolumen auf dem LKW und damit Transportkosten. DaimlerChrysler schaffte sich gleichzeitig einen Roboter an, der die Endlosrolle abrollt, automatisch ablängt und auf das Karosserieelement aufbringt. Amortisiert hat sich diese Investition für den OEM bereits nach zwei Jahren.
Eine weitere Technik, von der sich Saar Gummi einen Technikvorsprung verspricht, ist die so genannte Vario Section. Bei der im Unternehmen selbst entwickelten Technologie wird beispielsweise die Wandstärke eines Dichtungsprofils während des Produktionsprozesses kontinuierlich verändert. Damit passt die Dichtung besser bei speziellen Anwendungen wie Türen oder Heckklappen von Automobilen; so ist sie zum Beispiel biegsam und formstabil in engen Radien, steif und dämpfend in belasteten Bereichen. An den Stellen des Profils, an denen früher manchmal zwei verschiedene Dichtungen mit verschiedenen Eigenschaften miteinander verbunden wurden, was zu Problemen führte, lässt sich mit Vario Section jetzt alles in einem Dichtungsstrang realisieren. Mit seiner Technik der In-Line-Querschnittsänderung hebt sich Saar Gummi von den Konkurenten im Bereich Automobildichtungen ab.
Doch die Rückkehr zur Profitabilität hatte auch ihren Preis auf Mitarbeiterseite. Waren bei Saar Gummi im Jahr 2003 noch 1 100 Mitarbeiter in Vollzeit beschäftigt, ging die Zahl der Vollzeitkräfte im vergangenen Jahr auf 850 Beschäftigte zurück. Das Unternehmen musste eine Produktionshalle schließen. Und für die Mitarbeiter, von denen sich das 1948 gegründete Unternehmen trennen musste, wurde ein Sozialplan aufgestellt.
Heute befindet sich Saar Gummi wieder auf Wachstumskurs und durch die in der Branche bekannten Innovationen des Unternehmens kommen auch neue Automobilfirmen von sich aus auf den Spezialisten für Kautschukverarbeitung zu.
Das Unternehmen kauft auch wieder ausgewählte Spezialfirmen wie ContiTech und Ela Tech dazu, um seine Kernkompetenz auszubauen. Desweiteren stehen Expansionen in den Ländern Kroatien, Russland und Korea auf der Tagesordnung.
Das Werk in Kürze
Produkte: Full Service Supplier für Karosseriedichtungen und Formartikel. Von der Materialentwicklung über das Produktdesign bis zur Realisierung komplexer Dichtungssysteme auch für das Baugewerbe. Weitere Produkte: Sohlenbeschichtungen für Gesundheitsschuhe, Gasmasken
Management-Ansatz: Das SG-System soll die Motivation der Mitarbeiter und deren Identifikation mit dem Unternehmen steigern
Mitarbeiterzahl: 850 Vollbeschäfttige im Jahr 2006
Netto-Umsatz: 138,5 Mio Euro im Jahr 2006
Muttergesellschaft: Saar Gummi technologies S.à.r.l. Luxembourg
Kunden: BMW, Daimler, Ford, VW/Porsche, General Motors
Standort: 66687 Büschfeld, Eisenbahnstraße 25

Rolle für Endlosprofildichtungen: Die Innvoation entwickelte Saar Gummi zusammen mit Daimler Chrysler

Produktion von Profildichtungen für die Automobilindustrie: in jüngster Zeit punktete Saar Gummi mit Innovationen wie einer Endlostrommel.
Tags: Automobilindustrie, Fabrik des Jahres, GEO Award, Gummidichtungen, Saar Gummi, SG Technologies GmbH, Special Situations Venture Partners, Zulieferer

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