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Jetzt ist hohes Vertrauen in die Mitarbeiter gefragt

Interview mit Festool-Geschäftsführer Dr. Thorsten Hartmann

NEIDLINGEN. Das Werk von Festool in Neidlingen errang 2008 den Gesamtsieg beim Wettbewerb Fabrik des Jahres von Produktion und A.T. Kearney, unter anderem wegen der außergewöhnlich hohen Bereitschaft und Fähigkeit der Mitarbeiter zur ständigen Verbesserung. Wie Festool auf die Krise reagiert, erläutert Geschäftsführer Dr. Thorsten Hartmann gegenüber Produktion-Redakteur Gunnar Knüpffer.

Wie Festool seine Mitarbeiter einbindet und ständige Verbesserungen erzielt, können Teilnehmer beim Workshop Festool intensiv von m.i.c und Produktion am 22. und 23. Juli in Neidlingen erleben. Anmeldungen bei Ricarda Herrmann, Tel. 08191/125 872.

Wie sieht die neue Positionierung von Festool Neidlingen in der Wirtschaftskrise aus?
Eine Veränderung der Positionierung von Festool am Markt steht nicht an. Es geht eher um das Verhalten aller Mitarbeiter und Führungskräfte. Die Krise mit all ihren Begleiterscheinungen bei Umsatz, Kosten, Liquiditätssituationen bei Lieferanten und mitunter auch Kunden zeigt deutlich auf, dass der bislang erfolgreiche Weg kritisch überprüft werden muss.

Wie gehen Sie derzeit vor, um Veränderungen zu erzielen?
Jetzt sind schnelle und dennoch fundierte Schritte erforderlich, die hohe Wirkung haben bei geringem Aufwand. Darunter verstehen wir kleine, schnelle Teams mit sehr klaren Zielen und Zielzuständen und kurzen Feedbackschleifen. Lange Planungsszenarien werden schneller von der Realität überholt als vielfach gedacht. Jetzt sind eher Verhaltensmuster gefragt wie Mut zum Risiko, sehr hohes Vertrauen in die Fähigkeiten der Mitarbeiter und auch mal aushalten, wenn etwas nicht perfekt ist. Es reicht, deutlich besser geworden zu sein.

Was machen Sie konkret?
Glücklicherweise haben wir diese Dinge schon vor der Krise eingeleitet und können sie aber jetzt so richtig ausleben und ausbreiten. Als Beispiel sei angeführt ein kurzes, intensives Training zur Prozessverbesserung durchzuführen, mit unmittelbarer Umsetzung, das heißt Erzielen von Wirkung bezüglich Produktivität, Qualität oder Bestand. Ein weiteres Beispiel ist die Bildung von kleinen Teams. Diese Teams sorgen gemeinsam mit den Beratern von Festool Engineering bei den Lieferanten für echte, wirksame und vor allem schnelle Verbesserung.

Welche weiteren Projekte starten Sie, um der Krise zu begegnen?
Wir werden zum einen das oben Beschriebene noch weiter forcieren und in die Breite tragen. Zum anderen verstärken wir im Moment ein gezieltes Insourcing, um die Mitarbeiter halten zu können, den Gedanken des One-
Piece-Flow weiter zu entwickeln und um letztendlich Kosten zu senken. Man glaubt es kaum, aber Insourcing kann zu niedrigeren Kosten führen bei gleichzeitig besserer Qualität. Und dies bei den ohnehin schon vorhandenen Prozessen wie auch bei neuen Prozessen.

Welche neue Zielsetzung, den so genannten Nordstern, haben Sie bei Festool?
Grundsätzlich soll bei uns jeder Mitarbeiter stets wissen, wo das Unternehmen steht, wohin es will und welche Verbesserungsmaßnahmen dafür notwendig sind. Wir haben Zielzustände spezifiziert und neu definiert — orientiert und abgeleitet an unserem so genannten Nordstern: 0 Fehler, 1-Stück-Fluss und 100 % Wertschöpfung. Als Nordstern bezeichnen wir einen Navigationspunkt im täglichen Kaizen-Prozess. Trotz der Veränderungen in der aktuellen Krise steht der Nordstern auf keinen Fall in Frage. Was bin ich froh, dass wir den haben, denn gerade jetzt brauchen wir ihn umso mehr.

Wie verbessern Sie den Innovationsbereich ?
Auch im Innovationsbereich gelingt uns das mit denselben Ideen. Wie gelingt es, das Verhalten unserer Konstrukteure und Entwickler zu verändern wie oben beschrieben? Dinge voranzubringen in weniger Zeit und bei gleicher Qualität. Jetzt ist die richtige Zeit, über alte Zöpfe und liebgewordene Gewohnheiten nachzudenken.

Wie sparen Sie derzeit Kosten bei Prozessen, im Einkauf und bei den Personalkosten?
Überall, alles was geht: Mit Sinn und Verstand. Mit dem Blick auf die Gegenwart und Zukunft. Wir machen kein pauschales Cost-Cutting. Aber selbstverständlich geht es nun in allen Bereichen um Prozessverbesserungen. Da ist sicherlich die Fabrik von Festool im Vorteil, weil wir das schon seit Jahren so praktizieren. Glücklicherweise, denn aus diesen Erfahrungen können wir in allen anderen Bereichen lernen.