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Procter & Gamble, Werk Crailsheim: Der Konkurrenz immer einen Schritt voraus

p_g_luftbildAlle in die Prozess einbeziehen und Verantwortung übernehmen. Das ist es wohl, was das Procter & Gamble-Werk Crailsheim so erfolgreich macht und zu dem Titel „Fabrik des Jahres 2009“ führte. Das Werk ist zudem das einzige außerhalb Chinas, welches die höchste Stufe des P&G-internen IWS-Systems erklommen hat. Es ist bis heute nur einer von vier aus über 160 P&G Produktionsstandorten, die sich dieses Prädikat erarbeitet haben.

CRAILSHEIM (gk). An circa 350 Tagen im Jahr produziert das der deutschen Procter & Gamble Gruppe angehörige Werk in Crailsheim die bekannten Marken Always, Alldays und Swiffer Haushaltstücher hauptsächlich für den Westeuropäischen Markt. Märkte mit über 70 % Marktanteil werden aus Baden- Württemberg von der knapp 900-köpfigen Belegschaft beliefert. Durch das Engagement dieser Mitarbeiter – deren Erfolg durch Aktienkaufpläne, verschiedene Arten von Anerkennungsprämien inklusive Leistungszulagen von der Firma honoriert wird – steht Crailsheim innerhalb des global tätigen Konzerns für Spitzenleistungen in jedem Bereich. Ihr eigenes Motto ist: „Crailsheim – einen Schritt voraus“.

Dass dieses Motto tatsächlich gelebt wird, merkt Christian Kral, verantwortlich am Standort für die Always Operation sowie die werksweite Produktionsplanung, jeden Tag: „Als unser Volumen im letzten Jahr um fast 13 % eingebrochen ist, waren beinahe täglich Mitarbeiter bei mir, die konkrete Vorschläge und Ideen hatten, wie wir uns besser anpassen können, um trotzdem unsere Produktivität und die damit verbundenen Kosteneinsparungen zu liefern.“

Das bestätigt auch Personalleiter Kurt Horlacher, seit mehr als 25 Jahren im Unternehmen Procter & Gamble an verschiedenen Standorten tätig: „Die Crailsheimer Kultur ist etwas besonderes“, denn die Mitarbeiter stehen fest hinter ihrem Führungsteam.

„Dies war nicht immer so“, erinnert sich Kurt Horlacher. „Als wir Mitte der Achtziger Jahre in ernsthafte Schwierigkeiten kamen, diskutierten wir zum ersten Mal, unsere Mitarbeiter voll in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen“. Seitdem hat sich das Werk kontinuierlich auf dieser Basis weiterentwickelt und besticht heute durch ein hohes Maß an Transparenz. Diese zeigt sich nicht nur durch die vielen Tafeln, Bildschirme und anderen Informationsquellen an zentralen Punkten im Werk, sondern auch durch die vom Management gelebte Kultur des „being in touch“ – mit der Basis in Kontakt sein. So sieht man zu fast jedem Zeitpunkt leitende Mitarbeiter/innen ‚vor Ort’ an den Maschinen mit Mitarbeitern sprechen. Aktive Informationsweitergabe wird groß geschrieben.

Auch das gehört zum Informationsprozess: Christian Kral und seine Kollegen Suheyl Aybar, verantwortlich für die Alldays-Produktion und Christoph Hausser, das Pendant für den Swiffer-Bereich, informieren einmal monatlich alle Mitarbeiter während eines Schichtübergabemeetings über neue Projekte oder organisatorische Planungen. Fragen der Belegschaft werden bei dieser Gelegenheit ebenfalls beantwortet. Konkret bedeutet dies, dass die Produktionschefs jede Woche ein Team treffen, da der 24/7 Produktionszyklus mit vier Mannschaften gefahren wird. Nicht nur die Produktionsleiter sind aktiv. Auch der Werksleiter Ingo Schimmelpfennig stellt sich wöchentlich einmal den Fragen der Belegschaft, im Rahmen eines kleinen Frühstücks in der Kantine.
Alle in die Prozesse einbeziehen und Verantwortung auf jeder Position übernehmen – das ist es wohl, was das Werk Crailsheim so erfolgreich macht. Bemerkenswert ist zum Beispiel, dass Besucherpräsentationen, ob in deutscher oder englischer Sprache, zu etwa der Hälfte von Mitarbeiter/innen aus der Produktion übernommen werden.

100-prozentige Mitarbeitereinbeziehung und keinerlei Verlust – das ist in Crailsheim das zentrale Thema. Dass das P&G Werk dabei gut aufgestellt ist, zeigen die internen Audits. In den frühen 90-ern hat P&G weltweit sein IWS Programm eingeführt (Integrated Work Systems = integrierte Arbeitssysteme). Dieses Programm begründet sich auf TPM- und HPO- Grundsätze und umfasst bei P&G elf Bereiche. Neben AM, PM, QA oder HS&E sind dies auch Bereiche wie Organisation oder Leadership.

Crailsheim hat bereits 2007 die höchste Stufe dieser internen Einstufung erreicht. Dabei ist das Werk das einzige außerhalb Chinas, welches diese Auszeichnung bekommen hat und bis heute nur eines von vier aus über 160 P&G Produktionsstandorten, die sich dieses Prädikat erarbeitet haben.
„Jeder Mitarbeiter kann heute an einem so genannten FI Projekt (‚fokussierte Verbesserung’) teilnehmen“, so Ingo Schimmelpfennig. „Das ist wichtig bei dem extrem hohen Grad der Automatisierung und den damit verbundenen Fähigkeiten, die jeder Einzelne mitbringen muss.“

Möglich wurde dies durch umfassende Investments im Bereich Trainings. „In den Jahren 2005 bis 2007 haben wir jede Woche für zweimal vier Stunden unsere Anlagen abgestellt, um unseren Mitarbeitern gezielt neue Fähigkeiten vermitteln zu können“.

Die Fähigkeitsmatrix wird dabei von jedem Mitarbeiter selbstständig gepflegt. Sämtliche Trainings- und Fortbildungsmaßnahmen sind in einem elektronischen System pro Mitarbeiter/in erfasst. Die Ausbilung von derzeit 53 Jugendlichen rundet das Bild des hohen Qualifikationsgrades in Crailsheim ab.
„Jährlich bekommen wir die Ziele für unsere Geschäftseinheiten und unsere Märkte in Form von konkreten Zahlen für zum Beispiel Westeuropa oder Deutschland, Österreich, Schweiz vorgegeben“ so Matthias Schmitt, Leiter des Full Service Centers (Verteilzentrum und Customization). „Da Crailsheim nicht als einziges Werk diese Märkte versorgt, definieren wir die Ziele konkret für uns. Daraus abgeleitet ergibt sich ein Aktionsplan pro Abteilung und Team, aber auch die individuellen Zielvorgaben für mich und meine Mitarbeiter“ so Matthias Schmitt weiter, „die einmal im Jahr festgelegt und jedes Quartal überprüft werden“.

Der Kreis schließt sich durch die jährliche Beurteilung. Dann wird Soll gegen Ist verglichen und Leistungszulagen werden bestimmt.
„Darüber hinaus werden alle drei bis vier Jahre übergeordenete Strategien festgelegt“, ergänzt Julian Ormandy, verantwortlich für die strategische Weiterentwicklung der Arbeitssysteme, „um so den speziellen Fokus für das Werk und seine Mitarbeiter auszugeben“. Als dies im Jahr 2004 anstand, wurden die Ergebnisse der damals erstmaligen Teilnahme am Wettbewerb „Fabrik des Jahres“ genauso mit herangezogen wie interne und externe Benchmarking-Studien, die das Werk kontinuierlich auch selbst betreibt.
So ist es für Werksleiter Ingo Schimelpfennig nicht überraschend, dass die Produktivität in den letzten zehn Jahren um über 10 % jedes Jahr gesteigert werden konnte. Grundlage dafür ist nicht zuletzt eine Anlagenverfügbarkeit von über 90 % und eine Reduzierung der ungeplanten Stillstände an den besten Anlagen auf 2 % bis 3%.

Gleichzeitig erreicht die Organisation aber auch eine Reduzierung der Inventuren, im letzten Jahr alleine über 30 %. Erreicht wird das durch kürzere Produktionszyklen. Da das Werk eine sehr große Breite an Produkten anbietet, unterschieden in verschiedenste Größen aber auch verschiedene Auslieferungsländer, bleibt eine Umstellung der Maschinen von einem Produkt auf das andere unerlässlich. „Je häufiger wir in der Lage sind, dies zu jeder Tages- und Nachtzeit zu tun“ weiß Christian Kral, „um so mehr Potenzial haben wir in den Inventuren“. Und so ist und bleibt einer der Fokusbereiche seiner Organisation die Reduzierung der Produktionsmenge je Produkt.
Gleichzeitig gilt es Umbau- und Rüstzeiten zu reduzieren, um weiterhin parallel die Produktivität zu fördern und die Produktionskosten zu verbessern. „Wir haben die geplanten Umbauzeiten in den letzten zwei Jahren auf 30 % der Ausgangsbasis reduziert und gleichzeitig unsere Zeitabstände zwischen den Produktionsläufen auf dasselbe Maß“, berichtet der Planungs- und Produktionsleiter stolz.

Im nächsten Schritt arbeitet der Standort nun an einer schnelleren Lieferkette durch „E2E“-Betrachtung (End-to-End) der Prozesse.
„Obwohl wir uns in den letzten Jahren dramatisch verbessert haben, ist das Potenzial, welches noch vor uns liegt, gewaltig“, weiß Julian Ormandy, der sich um die Kunden-/Lieferantenbeziehung hinsichtlich Entwicklung von neuen Fähigkeiten und gemeinsamen Projekten kümmert. „Einmal mehr wird uns das Benchmarking über den „Fabrik des Jahres“-Wettbewerb dabei helfen“.
Spannend ist dies nicht nur für die „alten Hasen“ sondern auch für neue Mitarbeiter. Hinsichtlich der Managemententwicklung gilt Crailsheim als eine der Kaderschmieden innerhalb des Konzerns.

Bei P&G gilt das Prinzip der „Beförderung aus den eigenen Reihen“. Das bedeutet, dass Bewerber direkt nach Abschluss des Studiums in das Unternehmen kommen. Neben überdurchnittlichen Studienleistungen, Teamfähigkeit, Flexibilität und Belastbarkeit sollte der Bewerber eine kurze Studiendauer und außeruniversitäres Engagement vorweisen können.
Bei der Zusammensetzung der Belegschaft wird großer Wert auf Vielfältigkeit gelegt: So sind fast die Hälfte der Hochschulabsolventen Frauen. Und 35 verschiedene Nationalitäten am Standort machen deutlich, welchen Wert das Unternehmen auf die Unterschiedlichkeit der Mitarbeiter legt. Durch so genannte „cultural lessons“ fördert das Unternehmen die Zusammenarbeit verschiedener Gruppen.

„Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, alle zwei bis vier Jahre in einen neuen Bereich zu wechseln“ so Ingo Schimmelpfennig, der als gelernter Maschinenschlosser ein Betriebs- und Fertigungstechnik-Studium abgeschlossen hat und danach über Produktion, Qualität und Personalabteilung in verschiedenen Positionen im Unternehmen an verschiedenen Standorten tätig war. Stichwort Umwelt und Energie-Effizienz: 2006 wurde das Werk mit dem Preis der KfW für herausragende Leistungen im Bereich der energetischen Optimierung ausgezeichnet. Als neuestes Projekt stehen eine 400 MW- und eine 575 MW-Photovoltalikanlage auf dem Plan. Diese Anlagen sollen bis Ende Juni des Jahres 2010 in Betrieb gehen. Dies wird nicht nur den Standort innerhalb des P&G Verbundes sondern auch die Stadt Crailsheim und den Landkreis Schwäbisch Hall hinsichtlich erneuerbarer Energien auf Spitzenplätze bringen. Unterstützt werden diese Projekte durch den MUSEC Verbund der europäischen Union.

Dass Leistung, Flexibilität und bessere Kostenstruktur sich auszahlen, zeigte Anfang des Jahres 2009 die Entscheidung des Unternehmens, ein Warenverteilzentrum am eigenen Standort zu errichten und nicht an externe Anbieter zu geben. Fast 20 Mio Euro werden nun in den Neubau von Lager- und Kommissionierhallen investiert, die über 22 000 Palettenplätze verfügen. Künftig werden kundenspezifische Displayverpackungen und gemischte Verkaufseinheiten von Crailsheim an Handelspartner in Süddeutschland geliefert.

Grund genug für den Werksleiter, nach 30-jähriger Standortgeschichte auch weiterhin positiv in die Zukunft zu schauen. Denn eines ist sicher: Starke Mitarbeiter/innen, kontinuierliches Benchmarking und Umsetzen der Ideen ist die Grundlage: „einen Schritt voraus“ zu sein. Heute und morgen.