Kongress Fabrik des Jahres/GEO: “Aufbruch jetzt!”
Die Talsohle der Krise ist durchschritten, Optimismus keimt auf. Vom Kongress Fabrik des Jahres/GEO in Ludwigsburg gingen Aufbruch-Signale aus.
von Andreas Karius und Gunnar Knüpffer
LUDWIGSBURG. Für den Beirat der Fabrik des Jahres, Professor Günther Schuh, ist die Bedrohung durch die Krise weg. „Die fundamentale Bedrohung, dass das System zusammenbrechen könnte, ist gebannt“, sagte das Mitglied des Direktoriums des Werkzeugmaschinenlabors der RWTH Aachen auf dem Kongress Fabrik des Jahres/GEO in Ludwigsburg. Das umfassende Maßnahmenprogramm mit Kurzarbeit, Konjunkturprogrammen, Rettungsfonds und staatlichen Garantien habe die Systemkrise beendet. Schuh forderte: „Aufbruch jetzt!“

Professor Günther Schuh: „Das umfassende Maßnahmenprogramm, zum Beispiel mit Kurzarbeit und Konjunkturprogrammen, hat die Systemkrise beendet.“ Bild: Anna McMaster
Es gebe zwar eine Stabilisierung, aber auf geringerem Niveau. „Die Aussichten für die
Konjunktur haben die Form eines Wurzelzeichens“, sagte der Beirat: erst ein hohes Ausgangsniveau, dann Absturz, Erholung, aber auf einem niedrigeren Niveau als zuvor, und zum Schluss eine langsame Erholung. Deswegen müssen die Unternehmen der verarbeitenden Industrie laut Professor Schuh systemische Überkapazitäten konsequent bereinigen. Nachdem der Volumenindex des Auftragseingangs im verarbeitenden Gewerbe zum Jahr 2009 um 35 % eingebrochen ist, sollten die Firmen die installierte Kapazität anpassen. Diese notwendige Kapazität liege zwischen der minimalen und der bisher installierten.
Auch wenn viele Wirtschaftsprognosen derzeit nach oben korrigiert werden, ist die Rückkehr zu einer Normalität wie vor der Krise auch für die weitere Zukunft nicht zu erwarten. So lautet das Fazit von Dr. Günter Jordan, Vice President der Unternehmensberatung A.T. Kearney, auf dem Kongress.
Angesichts des historisch einmaligen Verschuldungsgrades der USA und anderer Länder sowie des Missverhältnisses zwischen Konsum und Einkommen sei „nur zu hoffen“, dass wir zu dieser Art von Normalität nicht zurückkehren werden. „Dieses Leben auf Pump kann nicht funktionieren“, sagte Jordan. Deshalb müssten sich die Unternehmen in Zukunft auf eine „neue Normalität“ einstellen. Charakteristisch für diese Entwicklung wird laut Jordan ein „extremer Wettbewerb“ sein, wie ihn die wenigsten Unternehmen bisher kennengelernt haben. Hintergrund dafür ist ein geringeres Wirtschaftswachstum in den klassischen Industrieländern, das zu Überkapazitäten führt. Außerdem werden neue Spieler auf den Plan treten, die nicht nur mit Billigprodukten, sondern auch mit High-Tech auftrumpfen werden. Beispielsweise wird der chinesische Netzwerkausrüster Huawei die Basisstationen für das erste Breitband-Datennetz der 4. Generation in Europa liefern. Und der chinesische Automobilhersteller BYD hat als erstes Unternehmen ein Plug-in-Serien-Hybrid-Auto im Angebot. In Zukunft werden sich Unternehmen auch auf eine extreme Volitälität einstellen müssen. Dabei geht es um plötzliche Absatzeinbrüche wie derzeit bei LKW oder Druck- und Werkzeugmaschinen von bis zu 70%, sowie um Währungsschwankungen und Rohmaterialpreise.
Zusätzlich werden die Themen Umwelt, nachhaltiges Wirtschaften und Corporate Social Responsability Druck auf die Unternehmen ausüben, so Dr. Jordan. Um unter den verschärften Bedingungen zu überleben, müssen die Unternehmen ihre Performance unbedingt weiter steigern. Obwohl die meisten Firmen bereits „operative Exzellenz“ für sich beanspruchen, sieht Jordan selbst in guten Fabriken noch viel Potenzial. So konnten die besten Wettbewerbs-Teilnehmer ihre Kosten durch bessere Prozesse um 4,1 % senken.
So reduzierte beispielsweise der Fabrik-des-Jahres-Sieger in der Kategorie „Hervorragendes Ressourcenmanagement“, die BSH Hausgerätewerk Nauen GmbH, Kosten durch Optimierung von Strombedarf, anforderungsgerechte Beleuchtung, Wassereinsparung durch ein Kreislaufsystem und effiziente Steuerung von Lüftung und Heizung.
Enorme Chancen eröffnen sich auch bei der konsequenten Ausrichtung auf Kundenbedürfnisse: „Viele Lieferanten aus dem Maschinenbau haben ihre Kunden vor der Haustür. Dies ist ein Riesenpotenzial, das wir leider derzeit nicht nutzen. Außerdem ist es ein Wettbewerbsvorteil, der sehr schwer zu kopieren ist“, sagte Jordan. „Auch die Tatsache, dass uns Länder wie Großbritannien und die USA mittlerweile um unsere breite industrielle Basis beneiden, zeigt, dass wir in Deutschland die alten Tugenden der Industrienationen nie aufgegeben haben und deswegen einen gewaltigen Vorsprung vor den Dienstleistungsnationen haben“, so Jordan.

RSS